Alter Zoll
Rheinische Toleranz und weibliches Durchsetzungsvermögen Am Rhein treffen seit Urzeiten die unterschiedlichsten Kulturen zusammen. Viele kamen und gingen, viele hinterließen ihre Spuren. Diejenigen, die blieben, arrangierten sich miteinander. Diese sprichwörtliche Toleranz galt lange Zeit nicht für den Karneval. Der war eine Männerdomäne. Frauen wie die Schwestern Peter Grabelers zählten in der Karnevalsgesellschaft von 1826 wohl zu den Gründungsmitgliedern, weil sie dem Musikalischen Zirkel angehörten. Entscheidungen traf jedoch eher der männliche Vorstand, Schultheiß Pelmann und „Konsorten“ genannt. Auch Johanna Kinkel, die sich oft über bestehende Normen hinwegsetzte, wird 1843 nicht den entscheidenden Einfluss auf die Neubelebung des Karnevals ausgeübt haben. Vergeblich forderten Frauen 1928 öffentlich per Zeitungsanzeige die Teilnahme am Rosenmontagszug. Darüber machten sich ein Jahr später die Macher eines Motivwagen lustig. Unter dem Titel „Bonner Bedürfnisse“ zeigten sie Bonnerinnen, die mit mitleiderregenden Mienen die Anklage herausschmetterten: „Und wo bleiben wir Frauen?“. Mittlerweile stehen Frauen in den Vorständen der Vereine und Festkomitees an prominenter Stelle. In den Traditionscorps sieht es allerdings noch anders aus. Eine große Ausnahme bildete schon immer die Weiberfastnacht. :::details Titel In Beuel wuschen die Frauen seit Generationen die „dreckige“ Wäsche der feinen Leute. Der Beueler Duft war weithin bekannt. Jeweils donnerstags lieferten die Männer per Boot die saubere Wäsche an die Kölner Hotelbetriebe aus, auch am Donnerstag vor dem ersten Rosenmontagszug in Köln im Jahr 1823. Die Männer kehrten ohne die nötigen Einnahmen heim, mit der Treue hatten es manche auch nicht so genau gehalten. Deshalb beschlossen die Frauen, fortan an diesem Donnerstag vor Karneval ihre Arbeit ruhen zu lassen und bei Kaffee und Kuchen über die Verfehlungen der Männer Gericht zu halten. Sie gründeten im Folgejahr das „Alte Beueler Damenkomitee von 1824 e.V.“ Die erste Emanzipationsbewegung im Rheinland war geboren. Bei diesen gemütlichen Nachmittagen mit Gesang, Musik und Sketchen blieb es nicht. Seit 1957 gibt es den Sturm auf das Beueler Rathaus und seit 1958 die Figur der „Wäscherprinzessin“, die mit Obermöhn und Wäscherinnen die Welt der Männer durcheinanderwirbelt. ::: :::details Titel Auch auf der linken Rheinseite wurde man 1889 aktiv. Die Frauen des Männergesangsvereins „Bonner Liedertafel von 1881“ saßen einst bei Kaffee und Kuchen zusammen, es wurde gesungen, erzählt und gelacht. Dabei entstand die Idee, einen Kaffeeklatsch zu Weiberfastnacht zu veranstalten. Als die Herren, die sich mit dem Vorhaben einverstanden erklärten, die Frauen in munterer Runde vorfanden, sollen sie gesagt haben: „Lur ens, ons Möhne, senn se net sööß wie Honig?“ Also nannten die Frauen des neuen Komitees, die so süß wie Honig waren, sich fortan die „Honigsmöhne“. Bis heute feiern sie erfolgreich ihren Kaffeeklatsch. Die mittlerweile zahlreichen Damenkomitees im Bonner Stadtgebiet mögen verzeihen, dass sie hier nicht alle genannt werden können, sie leisten wichtige Arbeit mit vell Spass an de Freud. ::: :::details Titel Heutzutage bietet der Bonner Karneval jedem etwas. Alle sind willkommen, Diversität und Inklusion sind selbstverständlich, im Saal wie im Straßenkarneval. Nicht zuletzt gehört der Rheinische Karneval seit 2015 zum Immateriellen Kulturerbe der Deutschen UNESCO. Doch Karneval macht nur eine, wenn auch sehr schöne, Facette des Jahres aus. Ein ganzes Jahr lang Karneval zu feiern, würde ihm den Reiz nehmen. Schon Goethe schrieb: „Löblich sei ein tolles Streben, wenn es kurz ist und mit Sinn...“ Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Zum Ende unseres Rundgangs treffen wir uns wieder dort, wo alles anfing und wo die Ursprünge des Karnevals zu finden sind – an der Kirche. Das Prinzenpaar wäscht noch am Rhein seine Portemonnaies aus, um dem Fiskus zu zeigen, dass bei ihm nichts mehr zu holen ist. Doch wie sagt man so schön? Nach dem Karneval ist vor dem Karneval. Und so können wir uns bald wieder auf eine neue Session freuen. :::